Eröffnung der Ausstellung
Eröffnung der Ausstellung
vorheriges Bild | nächstes Bild  
 

„Die Bildnisse des Novalis”

> Ausstellung vom 02.05. bis 30.11.2003 <

Eine Ausstellung der Forschungsstätte für Frühromantik und Novalis-Museum im Schloss Oberwiederstedt, gefördert vom Land Sachsen Anhalt und von der Novalis-Stiftung "Wege wagen mit Novalis".

Aus dem Vorwort zum Ausstellungs-Katalog:
"Ein Dichter hat uns alle geweckt - Goethe und die Romantik" - die große Ausstellung des Frankfurter Goethe-Museums im Freien Deutschen Hochstift, zu der 1999 das einzig erhaltene Porträt Georg Philipp Friedrich von Hardenbergs, genannt Novalis, auf Leinwand, undatiert und von unbekannter Hand entliehen wurde. Die dafür nötigen Fachgutachten wurden mit Unterstützung der Staatlichen Galerie Moritzburg, Landeskunstmuseum Sachsen-Anhalt durch den Restaurator Albrecht Pohlmann erstellt.

Nach Jahrzehnten einer erstaunlich bewegten Geschichte, die das Porträt überstanden hat, waren dies die erste ausführlichere Untersuchung und der Beginn eines umfassenden analytischen Projektes. Denn verschiedene vom Restaurator beobachtete Merkwürdigkeiten und Unstimmigkeiten sprachen ebenso wie der Umstand, dass bis dato keine Dokumente oder Kriterien zur Entstehungszeit oder dem möglichen Maler bekannt waren, dafür, sowohl die äußere Bewegungsgeschichte des Bildes als auch die innere mit ihren unterschiedlich veranlassten und folgenreichen Veränderungen in einer wissenschaftlichen Analyse zu erfassen und zu dokumentieren.

Um jedes Risiko für das ohnehin mehrfach schwer beschädigte Bild auszuschließen, durfte in die Malschichten nicht eingegriffen werden. Die Dresdener Restauratorin Uta Matauschek übernahm diese schwierige Aufgabe und trug akribisch alle Details zusammen, die in diesem Katalog zum vergleichenden Nachvollzug der Analyseschritte abgedruckt sind. Für einige Monate wurde sie, 200 Jahre nach seinem Tod, zu Novalis' wohl vertrautester Freundin. Denn ihre Aufgabe bestand zugleich darin, in einer malerischen Studie das Bild des Novalis zu umreißen, wie es anhand der ermittelten Kriterien sich darbieten würde - ein freilich subjektives, aber dennoch unter Berücksichtigung aller historischen Argumente sehr reizvolles Diskussionsangebot, das einen Weg zur Ermittlung der Entstehungszeit weist. In der Zusammenschau mit Albrecht Pohlmanns Untersuchungsergebnissen ergaben sich schließlich hypothetische Ansatzpunkte zum Kreis der Maler, in dem der Autor des Novalis-Porträts zu suchen sein wird.

Am Bildnis des Novalis, um das herum sorgsam alle erreichbaren gesicherten historischen Daten zu gruppieren waren, kristallisierten sich am Ende jene Erkenntnisse, die ausschließlich zu gesicherten Aussagen über das Bild führen konnten. Damit verband sich auch die Frage, welche Rolle das Bildnis des Novalis in der Rezeptionsgeschichte seiner Werke eigentlich gespielt hat, ob und wie es deren Bewertungen tangierte oder ob umgekehrt philologische und literaturkritische Urteile die Reproduktionen, Adaptionen, vor allem aber die
Restaurierungen dieses Bildes beeinflussten.

Gerhard Schulz hat in einem Essay das komplizierte Beziehungsgefüge von Bild, Biographie, Geschichte und Editionsgeschichte unter ganz ungewohnten Aspekten beleuchtet, die auf grundsätzliche Probleme im Umgang mit Ab-Bildern aufmerksam machen. Gerhard Schulz konstatiert in seinem spannenden Essay zur Ausstellung, dass das farbige Ölbild von Novalis für die Beschäftigung mit seiner Persönlichkeit noch bis in die 1970er Jahre kaum eine Rolle gespielt hat.

Bedeutsamer wurde der 1845 vom Berliner Kupferstecher Eduard Eichens eigens für den dritten Band der 5. Auflage der Schriften von Novalis gefertigte Stich. Er bildete die Grundlage für unzählige Reproduktionen in Buchausgaben, die entweder nach fotomechanischen Reproduktionen nach Eichens oder nach neugeschöpften Stichen oder Holzschnittvariationen gedruckt wurden und eine deutlich auch zeitgeschichtlichen Einflüssen ausgesetzte interpretierte Novalis-Abbildung zeigen. Zuweilen folgen diese Abbildungen auch der mit einer bestimmten Textauswahl verbundenen inhaltlichen Konzeption des jeweiligen Buches. In zeitlicher Reihenfolge des Erscheinens wurden diejenigen Ausgaben ausgelegt, deren Porträtabbildungen von Novalis am markantesten die Verschiedenheit der Porträteffekte dokumentieren. Eine ebensolche chronologische Folge erzeugt das Poster, das in der Zusammenschau der unterschiedlichsten Novalis-Porträts seit 1800 zeigt, wie sehr die Wiedergabe eines Bildnisses sowohl von subjektiven Faktoren auf Seiten des Künstlers als auch oftmals von rein technischen Voraussetzungen abhängig ist.

Wie sich innere Vorstellung und Reproduktion zueinander verhalten, hat nicht nur Albrecht Pohlmann in seinem Beitrag dargestellt, sondern wird auch durch eine repräsentative chronologisch geordnete Auswahl von erstaunlichen Variationen des Novalis-Porträts in Editionen seit 1846 und an Beispielen künstlerischer Adaptionen dokumentiert, die von Horst Janssen, Dieter Weidenbach, August Ohm, Jochen Goltzsche und Susanne Berner stammen.

Aus der abenteuerlichen und schwierigen Zeit der Bemühungen Wiederstedter Bürger um die Rettung des Geburtshauses Friedrich von Hardenbergs und der Vorbereitungen zu einer ersten kleinen Ausstellung zum Novalis-Geburtstag im Mai 1989 stammen die am Ende abgebildeten Arbeiten: eine Gedenkmünze mit dem Abbild des Novalis, ein vom Wiederstedter Handwerkermeister Heidenreich gemaltes Novalis-Bild, eine nach dem Ölbild gefertigte Intarsie und schließlich das ominöse "Stasi"-Bild eines Hallenser Malers, dessen Legende verschiedentlich erwähnt wird.

Mit einem inzwischen veröffentlichten theoretischen Werk, das philosophische, naturwissenschaftliche und naturphilosophische Studien enthält und mit Dokumenten zur Berufstätigkeit, die seine juristischen und technischen Fähigkeiten belegen, verfügen wir heute über Informationen von Novalis, die das Persönlichkeitsbild erheblich erweitern. Aus diesem neuen Wissen resultiert freilich eine andere Haltung zum Porträt, wird es anders gelesen, ergeben sich Widersprüche und Fragen. Es sind Impulse, die zu einer intensiven Beschäftigung mit Novalis einladen, möglicherweise unerwartete Seiten erschließen. Nicht nur neue Betrachtungsperspektiven sondern auch neue Forschungswege sind eröffnet.

Die vorliegende Untersuchung hat scheinbar Gesichertes in Frage gestellt, andere, neue Fragen aufgeworfen. Die dabei gesicherten Aussagen zum Porträt des Novalis ermöglichen nun in der Fortführung des Projektes die Autopsie einzelner Malerhandschriften aus Künstlergruppen um 1800. Bei der Suche nach dem Autor des Novalis-Porträts werden Personen ins Blickfeld rücken, deren Werk bisher kaum oder gar nicht erforscht wurde: Dora Stock, Maria Agathe Alberti, Nikolaus Lauer, Daniel Caffe und auch noch einmal Franz Gareis.

Welcher Art auch die Fragen sind, die wir an das Porträt des Novalis richten, das Bild selbst in seiner historischen Überlieferung ist nicht nur schlechthin das einzig überlieferte Novalis-Porträt, sondern auch ein Zeit-Dokument, dessen Bewahrung die höchste restauratorische Sorgfalt gilt.
 
Forschungsstätte
für Frühromantik
und Novalis-Museum
Schloss Oberwiederstedt

Internationale
Novalis-Gesellschaft e.V.

Novalis-Stiftung